Internationale Jugendexpedition „Elbrus 2005“

vom 8. – 19. Juli 2005

auf Einladung der
Ukrainian Mountaineering and Climbing Federation

3.15 Uhr: Von einem flüsterndem „Julia..., Julia, Ruhepuls!“ werde ich zwar sanft, aber dennoch viel zu früh von Bianca aus meinen Träumen in die düstere, ausgekühlte Biwakschachtel gerissen.
Nachdem ich artig meinen Ruhepuls gemessen habe, schäle ich mich – möglichst leise, um andere, noch friedlich schlafende Bergsteiger nicht zu wecken – aus meinem Schlafsack, schnappe meinen Rucksack, den ich am Vorabend schon fertig gepackt habe, und schleiche zusammen mit Bianca nach draußen in die Nacht zu den anderen Gruppenmitgliedern.

Die nächsten anderthalb Stunden verbringen wir mit Teekochen und den letzten Vorbereitungen für die anstehende Tour zum Mestia-Tau!
Abmarsch ist um 5 Uhr, es ist schon fast hell.
Nach einem kurzen Anstieg ziehen wir am Rand des Gletschers unsere Steigeisen an, dann beginnt der eigentliche Aufstieg. In Serpentinen stapfen wir den ersten steilen Firnhang hinauf in ein flaches Gletscherbecken.


Es folgen zwei weitere Steilhänge, unterbrochen von einer flachen Passage bevor wir auf 3750m über NN auf dem Mestia-Pass ankommen.
In engen Serpentinen geht es anstrengend den steilen Schlusshang hinauf, immer näher rückt unser erster Kaukasusgipfel! Nach insgesamt 3 ¼ Stunden und etwa 1000 zurückgelegten Höhenmetern sitzen Bianca, Rainer und ich endlich auf dem felsigen und ausgesetzten Mestia-Tau, stolze 4130m hoch !
Die Aussicht in dieser Höhe ist atemberaubend. Wir sehen neben vielen anderen Gipfeln zum ersten Mal den Elbrus.


Der Doppelgipfel misst 5642m und ist damit nicht nur der höchste Berg des Kaukasus’ sondern auch Europas, und unterscheidet sich zum einen durch seine Höhe, zum anderen durch seine Wuchtigkeit von den übrigen Kaukasusgipfeln.
Ein mulmiges Gefühl breitet sich in mir aus bei dem Gedanken daran, dass wir in den kommenden
Tagen versuchen werden, den höheren Westgipfel dieses gigantischen Schneeberges zu besteigen. Die Vorstellung, irgendwo auf dem riesigen Gletscher dieses Berges zu stehen ist für mich zu unwirklich und noch viel zu fern, als dass ich mich darauf freuen könnte.


Während des monotonen Abstiegs schweifen meine Gedanken fünf Tage zurück, zum Tag der Anreise:

Nach unserer Ankunft am Flughafen von Mineralnye Vody lernen wir Alexander Zaidler kennen, der für alle organisatorischen Dinge zuständig war. Er bringt uns zum Bus, der uns in unser Basislager bringen soll. Unterwegs müssen wir unseren komfortablen Reisebus verlassen und umsteigen in den nächsten. Allerdings erwartet uns ein heruntergekommener Militär-Lkw, der uns in der kommenden Stunde auf seiner Ladefläche über nichtausgebaute Straßen in das besagte Basiscamp „Ullu Tau“ befördert.
Gut geschüttelt und gerührt kommen wir in dem Bergsteigerlager auf 2300m an, wo wir auch sofort beginnen, uns mit Zelten häuslich einzurichten. Die sanitären Anlagen sind alles andere als europäischer Standard, den wir aber sowieso nicht erwartet haben, erst recht nicht nach dem Transport auf so einer Ladefläche.

In den nächsten Tagen unternehmen wir Tagestouren auf ca. 3100m, um uns für den Mestia-Tau-Gipfel vorzubereiten. Das Training zuhause hat sich bewährt und vor allem die Stimmung innerhalb der Gruppe ist gigantisch. Jede Menge Spaß und gute Laune sind vorprogrammiert, was keinerlei Langeweile aufkommen lässt.
Ein Erlebnis der besonders ungewöhnlichen Art haben wir, als wir eines Morgens zum Frühstück warmen Fisch mit Nudeln serviert bekommen!! Die Gesichter um mich rum sprechen Bände: Alle stochern mit gemischten Gefühlen im Teller herum, doch letztendlich ist alles nur eine Frage der Gewöhnung...
Da sind mir die gemütlichen Abende ums Lagerfeuer mit viel Gitarrenmusik und russischen bzw. deutschen Liedern doch viel lieber. Dazu gehört natürlich auch anständig viel Wodka, der uns von Alexander regelrecht als Medizin aufgedrängt wird (Alexander: „Die, bacteria die!“).
Dann werden jede Menge „Toasts“ ausgesprochen, zu denen man natürlich immer schön brav „einen kippen“ muss! Die Atmosphäre ist entsprechend heiter und amüsant und die Abende sind lang.

Endlich haben wir’s geschafft!“ Der erleichterte Seufzer von meinem Hintermann holt mich aus meinen Gedanken zurück auf den Schnee, wenige Meter über unserem Mestiabiwak. Gegen 10 Uhr erreichen wir erschöpft unser Lager vor der Biwakschachtel. Jetzt heißt es erst mal ausruhen, was essen, für manche ein bisschen in der Morgensonne schlafen, bevor wir gegen Mittag wieder in unser Basislager „Ullu-Tau“ absteigen.

 

 

 

Niemand von uns hat nach einer Woche Sonnenschein damit gerechnet, dass wir den Elbrusgipfel wegen schlechter Wetterverhältnisse – der Nebel reduzierte die Sicht auf 10m – nicht erreichen.
Noch weniger erwarteten wir den Schneesturm, der nachts aufkam und unser Hochlager auf 4200m mit 20cm Schnee in ein „white-out“ verwandelte. So blieb uns auch der zweite Versuch, den Gipfel zu erreichen verwehrt.
Wir hatten genug damit zu tun, unsere Zelte im Schneesturm abzubauen und den Weg nach unten zu finden.

 

 

 

 

Auch ohne den höchsten Punkt Europas erreicht zu haben, waren die 11 Tage im Kaukasus eine riesige Erfahrung: Die Atmosphäre innerhalb der Gruppe war unbeschreiblich, völlig entspannt und immer lustig, die beeindruckende Landschaft und damit auch das einzigartige Gefühl zwischen etlichen Viertausender zu wandern und auch zu schlafen und natürlich die gelungene Besteigung des Mestia-Tau als Höhepunkt aller Aktivitäten bilden zusammen ein unvergessliches Erlebnis, worauf jeder von uns sicherlich sehr stolz sein kann!


Allen Sponsoren, an erster Stelle unserer Sektion, die uns großzügig unterstützt hat, möchten wir an dieser Stelle ganz herzlich danken!
Wir hoffen, dass wir mit dem Vortrag, den wir über unseren Aufenthalt vorbereitet haben, einige an unserem Abenteuer teilhaben lassen können.

Julia Klein

letzte Änderung : 07.10.2005
A.Heinemeyer

Seite schließen